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Henning Kles

FORM WALK WITH ME

Vom 15.05. bis zum 29.05.21 zeigt der Hamburger Künstler Henning Kles in seiner 5ten Einzelausstellung bei Feinkunst Krüger seine neuesten Arbeiten. Diese thematisieren die formale Dekonstruktion der Figuration und nehmen Bezug zum Postmodern Design der 80er Jahre. Damals enstanden durch die Integration von elementaren Formen wie Kreis, Dreieck und Rechteck ikonographische Designs, welche mit den vorherrschenden Doktrinen „Form Follows Funcion“ oder „less is more“ brachen. Die für diese Zeit typische Formen, Muster und Materialen aus den Bereichen Interior-, Möbel-, Mode- und Grafikdesign werden von Kles radikal kombiniert und phantasievoll interpretiert. Der Titel der Ausstellung „Form Walk With Me“ spielt auf die hybride Form der ausgestellten Arbeiten an und ist dementsprechend seinerseits ein Cadavre Exquis aus besagtem „Form Follows Function“ und dem legendär mystischen Diktum „Fire Walk With Me“ der nach wie vor spektakulären Serie „Twin Peaks“ von David Lynch.

Die Eröffnung am 15. Mai wird aller Voraussicht nach nicht stattfinden!

Für weitere Öffnungszeiten möchte ich Sie bitten sich weiterhin auf dieser Seite zu informieren. 
Wahrscheinlich wird die Galerie in der Woche ab dem 17. Mai unter Auflagen geöffnet sein.

Christiane Opitz über Henning Kles
Aus einer farbigen Fläche, die wiederum durch einen aufgemalten, dünnen Rahmen eingefasst ist, sehen uns Gesichter an oder blicken im Profil aus der Fläche heraus. Wir sind darauf konditioniert in einem Gesicht immer zuerst die Augen zu suchen. Hier "spiegelt sich von außen die Welt, von innen der Mensch,"1 schrieb Goethe 1810 zur Bedeutung dieses Körperteils. Bei Kles ist es nicht immer leicht zu erkennen, wo genau sich diese befinden, bzw. wohin sie blicken. Oder wo genau Nase und Mund sitzen. Wir, als menschliche Gesichtserkennungssysteme, werden vom Künstler durch ähnliche Formen und Positionierungen lustvoll und buchstäblich an der "Nase herumgeführt". Nichts, so scheint es, ist wie es ist und alles ist gleichzeitig.
Blickt Golom (2018) nun nach links aus dem Bild heraus oder sind es nicht doch die dunklen Areale in der Kopfmitte, die uns frontal beäugen? Sind die hellen Wellen unterhalb des rosafarbenen Bogens seine Zähne? Oder ein geschwungener Kragen? Ist der dunkle Bereich seines Kopfes sein Haar oder ein Helm? Ein Hut? Noch uneindeutiger zu lesen sind die kleinen, gerahmten Leinwandarbeiten seiner aktuellen EP-Serie. Diese Physiognomien sind aus unterschiedlich farbigen Leinwandstücken zusammengesetzt worden - ein Verfahren, dass die Möglichkeit zum "Ausprobieren" gestattet. Denn noch bevor man die Stoffteile mit Gelkleber fixiert, können sie zunächst hier und dort angelegt werden. Die Collagen leben von der Dimensionalität der sichtbaren Schichten, machen Räumlichkeit auf, die Kles bei seinen gemalten Köpfen allein durch hier und dort versiert angebrachte Schattenwürfe erzielt. Im Vergleich zu ihnen, sind die collagierten Gesichter rätselhafter, unklarer, verspielter und somit in ihrer Identität indifferenter.
Was Jacques Derrida im Hinblick auf sprachliche Zeichen formulierte gilt womöglich auch für Bild-Sprache Henning Kles: Was wir als Identität begreifen, ist ein nachträglicher Effekt unseres sprachlichen Gebrauchs. Wenn wir also Zeichen anders verwenden, ihre Bedeutungen aufbrechen, verändern wir die Wirklichkeit.
Eine andere Wahrheit mit künstlerischen Mitteln zu erzählen, war auch das Bestreben derjenigen Künstler, die vor Kles die Wandelbarkeit des Gesichts künstlerisch ausloteten. Denken wir an Guiseppe Arcimboldos Antlitze aus Blumen, Früchten und Tieren - und Salvatore Dalis Antwort darauf, das Gesicht der Mae West (1974). An Pablo Picassos Dora Maar (1937), die Porträts Georges Braques, Francis Bacons Selbstbildnisse oder die bekannten Studien seines Geliebten George Dyers. Kles Serie P.S.T. (Painting, Smoking, Thinking) verweist sogar direkt auf Philip Gustons "Painting, smoking, eating" (1972).
Bei aller Leichtigkeit und Exzentrizität der Kles'schen Charaktere, lassen die deformierten Gesichtszüge in Pastell eben auch an Kriegsversehrte oder Unfallopfer denken. Oder an die devianten Visagen des Kinos, welches uns mit dem  Elephant Man von David Lynch (1980), Rocky Dennis aus dem Drama Die Maske (1984) oder der Freaks aus dem gleichnamigen Kultfilm von 1932 gruselt. Es sind unheimliche Subjekte, erfunden, um unsere sicher geglaubte Festung aus Normalität und Gewohnheit ins Wanken zu bringen. Dabei ist das Andere immer das (eigene) Unbewusste - würde Freud sagen2. Den von der Norm abweichenden, stehen die perfekten, hyperrealistischen veränderten Gesichter von Instagram und Snapchat gegenüber. Hier feiern sich Menschen gerade selbst. Beautyapps machen Haut glatter, Augen größer, entfernen Tränensäcke. Was von den individuellen, echten Gesichtern dann noch übrigbleibt, sind vereinheit-licht weichgezeichnete Fiktionen. Dann doch lieber Golom, Oggi, Jacko & Co, wie Kles seine Figuren genannt hat. Letzten Endes wirken sie authentischer - vielleicht weil sie uns nichts vorgaukeln, was sie nicht sind.

Johann Wolfgang von Goethe, Farbenlehre, Stuttgart (Kohlhammer), 1950-55, Erstausgabe 1810              
2 Vgl. Sigmund Freud, Das Unheimliche. In: Ders.: Studienausgabe, Bd. IV. Psychologische Schriften. Hg. v. Alexander Mitscherlich, Angela Richards, James Strachey. Fischer, Frankfurt am Main 1982