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Simon Hehemann

Wie die Teile fallen

>> Arbeiten der Ausstellung (PDF 3 MB)
>> Ausstellungsansichten (weitere Ansichten folgen in Kürze)

Vom 04. bis zum 20. September stellt der Hamburger Künstler Simon Hehemann zum sechsten Mal in einer Einzelausstellung bei Feinkunst Krüger aus. Während des gesamten Monats August baut er die Galerie komplett um und verwandelt die Räume in eine begehbare Installation.

Spezielle Öffnungszeiten zur Hehemann Ausstellung: Mittwoch bis Sonntag von 12-19 Uhr! 

In einer Zeit, in der die Diskrepanz zwischen divergierenden Haltungen rigoros und scheinbar unumstößlich zu polarisierenden Standpunkten führt, die nur ein Schwarz-Weiß-Denken zulassen, in Zeiten, in der ein Kompromiss von Grunde aus als suspekt gilt, ist das philosophische Gedankenmodell der Konstruktion und Dekonstruktion aktueller denn je. „Alles, was wir zurzeit in dieser Welt mitkriegen, verspricht eine radikale Veränderung unserer bisherigen Verhältnisse. Das omnipräsente Gefühl, das wir uns in einem maroden System befinden, hat mich veranlasst, im Symbol des Turms eine entsprechende Form zu finden“, äußert der Hamburger Künstler Simon Hehemann unlängst.

Somit steht der Turm als Symbol von Aufbau und Verfall (Ruine) als zentrales Motiv in der sechsten Einzelausstellung Wie die Teile fallen in der Galerie Feinkunst Krüger. Wie so oft bei Hehemann sind die Räume in eine für den Besucher begehbare Installation umgewandelt, doch diese Mal muss er sich aufgrund zahlreicher Begebenheiten auf dem Boden auf Umwegen durch die Ausstellung manövrieren. Die Wände sind allesamt schwarz gestrichen, einer Farbe, die fast kein Licht zurückwirft. Der Boden der Galerie ist im oberen Bereich mit Schlackengranulat bedeckt, jenem glasigen Nebenprodukt, das bei der Roheisenherstellung im Hochofen entsteht. In einer leicht hügeligen Landschaft, der meist feinkörnigen Elemente, reihen sich schwarze Tintelachen und zahlreiche Türme aus kleinen länglichen Betonklötzchen ein. Die Oberflächen des Granulats und der kleinen Seen schimmern durch die lediglich von Projektoren erzeugten Lichtquellen im Raum vereinzelt leicht auf.

Im Raum verteilt befinden sich sieben enorm vergrößerte Post-its im Ausmaß von 250 x 250 cm, auf denen landschaftsähnliche Strukturen zu erkennen sind. Eben auf diesen Motiven werden verschiedenen Videos und Dias projiziert. Auf einzelnen bewegten Bildern ist das Errichten von ähnlichen, wie im Galerieraum verteilten Türmen mit kleinen Betonklötzchen zu sehen, und deren durch einen Steinwurf bewusst herbeigeführter Einsturz. „Konstruktion und Dekonstruktion – halt das, was das Leben ausmacht“, so Hehemann. Den Einsturz seiner Türme hat er im Vor- und Rücklauf in Zeitlupe gefilmt, um die kurzen Sequenzen des Zerfalls festzuhalten. Dieser Vorgang sieht recht spielerisch aus, ganz im Gegensatz zu den medial weitverbreiteten Aufnahmen real einstürzender Türme, als globales Symbol von eskalierender Gewalt, das bis heute nicht seine Geltung verloren hat. Ergänzt werden diese Motive durch weitere Videoaufnahmen, vogelschwarmähnliche Zusammenstellungen von Buchstaben, die über zwei Beamer auf die Wand geworfen werden, des weiteren durch Diaprojektionen, die Motive aus dem umfangreichen Archiv des Künstlers wiedergeben, wie Flugsamen, Federn oder mit einer Schreibmaschine getippte Dots, die in ihren Vergrößerungen in ihren Konturen all ihre Filigranität im Detail offenbaren.

Großformatige Leinwände im Raum zeigen einen weiteren Bestandteil von Hehemanns Repertoire, collageartige Zusammensetzungen von sogenannten Nachtscans, die auf entsprechendem Gerät in der Dunkelheit entstanden sind. Deren Resultate sieht man auf aneinandergereihten DIN A4-Computerausdrucken, unter anderem mit besagten Türmen in allen Variationen, erneut Motiven aus dem Materialarchiv sowie einzelnen metaphorisch aufgeladenen Bildelementen wie die Glühbirne, zum einem symbolisch gedacht als Mittel der Erleuchtung resp. Erkenntnis, zum anderen als Ausdruck für den Abriss resp. die Zerstörung, frei nach dem ikarischen Prinzip: Hochmut kommt vor dem Fall.

Rechts an der Wand im Eingangsbereich hängen in einem größeren Block die Vorlagen der vergrößerten Post-its in ihrem eigentlichen für Notizen sinnvollen Format. Die sich stetig erweiternde Serie „Himmel und Dreck“ verdankt ihre Entstehung Zufallsprozessen. Simon Hehemann steckt hierfür kleine Post-its-Blöcke in den Metallkoffer seines Motorrads. Durch die Fahrten entsteht ein Metallabrieb auf den Oberflächen der einzelnen Blätter, der je nach Dauer, Bodenbeschaffenheit und Geschwindigkeit unterschiedlich ausfällt, und somit vielfältige Motive bewirkt. Und wieder offenbart uns der Künstler den Zufall als dialektisches Prinzip.

Die Materialien in den einzelnen Objektkästen im hinteren Raum der Galerie erscheinen erst einmal ungewöhnlich, es handelt sich um Dinge aus dem Alltag, die aus ihrem zum Teil eher unauffälligen Dasein in einem neuen ästhetischen Kontext zur Geltung kommen, ohne ihre ursprüngliche Funktion zu erfüllen. Dabei fällt eine Beiläufigkeit in ihrer Präsenz auf, die veranschaulicht, dass wir sie in unserem Umfeld kaum noch wahrnehmen, weil sie als fester Bestandteil in unserem Leben mittlerweile eine Selbstverständlichkeit repräsentieren. Auch die Objektkästen greifen erneut Simon Hehemanns immerwährendes Thema der Konstruktion und Dekonstruktion auf. Gleichzeitig offenbart sich hier ein Gedanke des Soziologen Hartmut Rosa, auf seine Resonanztheorie, die man als Gegenentwurf zum gehetzten Leben betrachten kann: „Denn alle Subjekte machen im Laufe ihres Lebens konstitutive Resonanzerfahrungen, das heißt sie erleben Momente, in denen ihr Draht zur Welt intensiv zu vibrieren, ihr Weltverhältnis zu atmen beginnt.“

Hehemann scheint mit der Materialvielfalt in seinen Werken auf zahlreiche von Rosa im weiteren Verlauf seines Buches Resonanz. Eine Soziologie der Weltbeziehung (2019) aufgezeigten Resonanzmöglichkeiten zu verweisen. Wenn sich in den Objektkästen Teile der erwähnten Archivalien in einem geometrischen Drahtgerüst beziehungsweise oxidierten Kupfergewebe wiederfinden, sich Pusteblumen und deren einzelnen Flugsamen auf Rastern aus Leiterbahnen befinden, dahinter als verzerrtes Bild, ein fein gesplittertes Spiegelglas zu sehen ist, werden die Betrachtenden von derartig gebauter Fragilität in den Bann gezogen, mit der gleichzeitigen unbegründeten Vorsicht, nicht bereits mit einem einzelnen Blick die Gebilde zum Einsturz zu bringen. Gleichzeitig faszinieren Flüssigkeiten, die sich aufgrund ihrer chemischen Polarität nicht vermischen, wie Wasser und Motoröl, was schließlich dazu führt, dass aufgrund der unterschiedlichen Dichte ersteres sinkt und letzteres nach oben wandert. All diese Materialien zeugen in einem neu kombinierten skulpturalen Gebilde von einer Erscheinungsform, die den Blick immer weiter ins Detail vertieft und so neue Resonanzen eröffnet. So zeigt ein großformatiges Objekt mit dem Titel Mohnplantage (2026) eine Art Aneinanderreihung von Pflanzen, die verdorrt sind, was ihre faszinierende Erscheinung jedoch nicht trübt, sondern durch die Art der geometrischen Anordnung der Einzelelemente sogar verstärkt. Vermutet man als Untergrund zunächst eine Art Teerpappe, entpuppt diese sich als eine Oberfläche mit Mohnkörnern. Kugeldisteln, Wiesenbocksbart und verschiedene Stengel von Mohnsorten samt verdorrter Blüten werden mit kleinen Glöckchen und grob geschnittenen kreisrunden Glasplättchen auf verschiedenen Objektebenen miteinander kombiniert, auf einem Gitterraster aus Metall, durch diverse Fäden miteinander verbunden.

Hier spiegeln sich ebenso verschiedene Resonanzen wider, also eine spezifische Form der Weltbeziehung. „Als Welt [...] können […] Menschen, Artefakte und Naturdinge, aber auch wahrgenommene Ganzheiten wie die Natur, der Kosmos, die Geschichte, Gott oder auch das Leben und nicht zuletzt auch der eigene Körper oder die eigenen Gefühlsäußerungen in Erscheinung treten,“ schreibt Hartmut Rosa weiter. Dadurch ergeben sich für jeden einzelnen Menschen Resonanzbeziehung, die individuell anders erlebt werden. Die allumfassende Dimension dieser Aussage könnte auch speziell auf Simon Hehemanns künstlerische Herangehensweise formuliert worden sein. Und damit schließt sich der Kreis dieser Ausstellung, zum einen als Art Erlebnisort, in dem der Betrachter zunächst quasi hautnah in die Objektwelt eingebunden ist, um dann später mehreren hermetischen Orten zu begegnen, die die installative Welt auf mehrere kleine Satelliten beziehungsweise planetarische Vorstellungen verteilt.

Text: Oliver Zybok